Pelle


Schon seit weit vor Sonnenaufgang war Pelle wach. Er hatte einfach nicht mehr schlafen können in seinem Kobel. Bereits der gestrige Tag war sterbenslangweilig gewesen. Der heutige versprach nicht, besser zu werden. Er hatte sich darum gekümmert, ein paar Walnussvorräte zu verstecken, aber das war auch nicht tagesfüllend, und nebenbei war es so wenig aufregend wie Nasepopeln. Hier in Ajan gab es für seinen Geschmack bei Weitem nicht genug Action! Schließlich war er ein energiegeladenes Eichhörnchen!
Zur Abwechslung war er gestern mal wieder über die große Mauer geklettert. Dort waren ihm ein Mädchen und ein kleiner Bär begegnet, die an ebendieser herumexperimentiert hatten (wobei ihr Zusammentreffen mit ihm für die beiden aufregender gewesen zu sein schien, als für ihn).
Pelle war froh, dass er kein Beschützerkind hatte, für das er auf der Mauer kämpfen musste. Warum er keines hatte, wusste er nicht, aber es war ihm nur recht. Er führte ein freies, unabhängiges Eichhörnchenleben. Ein Beschützerkind würde da nicht reinpassen. Er streifte oft und gerne durch ganz Ajan und suchte nach Orten, die er noch nicht kannte, was jedoch langsam schwierig wurde.
So auch heute. Im rasenden Galopp preschte er ohne Ziel durch den Wald. Der Wind pfiff ihm um die Puschelohren und er genoss es, alles aus sich rauszuholen, was die Lunge hergab. Er würde einfach hinlaufen, wohin seine Füße ihn trugen.
Die Sonne fing an aufzugehen. Sie ließ sein Fell rot schimmern, und seine schwarzen Knopfaugen wie kleine Sterne funkeln.
Parallel zur großen Mauer, nur getrennt durch eine Wiese, an die sich der Wald anschloss, peste er im Schatten der Bäume durchs Dickicht, als er auf einmal Stimmen hörte. Er drosselte sein Tempo und schlich kurz darauf leise vorwärts. Er kannte diese beiden Stimmen. Sie gehörten dem Fuchs und dem Dachs, zwei grobschlächtige Dummköpfe, mit denen man immer wunderbar Schabernack treiben konnte. Genau das, was er jetzt brauchte. Auch wenn ihm der Austausch mit jemandem, der mehr als drei Gehirnzellen besaß, lieber gewesen wäre, so taten es zur Not auch diese beiden Hohlköpfe. Außerdem musste ihnen mal wieder ein bisschen Demut beigebracht werden: Erst letzte Woche hatten sie Schnuffi, ein kleines Karnickel aus dem Dorf, allein erwischt und es in den Bach geworfen. Pelle hatte es zum Glück gesehen und Schnuffi aus dem Wasser geholfen.
Er näherte sich auf Zehenspitzen, bis Fuchs und Dachs in Sicht kamen, und versteckte sich in einem Busch, aus dem heraus er sie prima beobachten konnte. Vorsichtig schob er ein paar Blätter beiseite. Sie saßen im Unterholz auf einem Moosteppich und machten Picknick. Zwischen Körben voll süßer Früchte, lecker duftenden Brotlaiben, Schalen mit verschiedenen Nüssen darin und Krügen mit Getränken, von denen Pelle nur ahnen konnte, was darin sein könnte, stopften sie sich die Bäuche voll.
Soso, sie hatten es sich also mit Diebesgut gemütlich gemacht, dachte er. Nie und nimmer gehörten all diese Leckereien den beiden. Nicht ein einziges Mal hatte Pelle erlebt, dass der Dachs und der Fuchs gearbeitet und zum Gemeinwohl beigetragen hatten. Aber diesen Schmaus würde er ihnen gründlich vermiesen.
Er kannte sich in diesem Wald aus wie in seiner Westentasche. Unbemerkt verließ er sein Versteck und flitzte ein Stück des Wegs zurück. Dann lief er rechts ins Dickicht hinein, und einen Wimpernschlag später hatte er auch schon gefunden, wonach er gesucht hatte: den Strauch der Ruptabeere, die hier in Ajan wuchs. Die Beeren waren leicht zu verwechseln mit Haselnüssen, denn sie sahen ihnen sehr ähnlich. Die Ruptabeere war zwar nicht giftig, allerdings vermieden es die Ajaner tunlichst, sie zu verzehren: Biss man nämlich hinein, platzte die Ruptabeere auf und ihr widerwärtiger Inhalt wurde freigesetzt: ein Pulver, das nach einer Mischung aus Schimmel, Erbrochenem und Ohrenschmalz schmeckte und sich in Sekundenschnelle im ganzen Mund ausbreitete. Pelle schüttelte es beim Gedanken daran.
Er sammelte ein paar der Beeren in einem großen Blatt, das er vorsichtig wie ein Paket verschnürte und sich auf den Rücken schwang.
Zurück bei den zwei Halunken, verstaute er seine Beute in der Nähe des Picknicks. Er schnappte sich ein Steinchen und warf es, so weit er konnte, in den Wald hinein.
Der Fuchs horchte auf.
„Was war das?“
„Was denn?“, fragte der Dachs kauend.
„Hast du das nicht gehört?“, flüsterte der Fuchs und stand auf. „Da ist jemand!“
Pelle warf noch einen Stein. Es krachte ein Stück entfernt ins Unterholz. Nun sprang auch der Dachs auf. Beide sahen sich vielsagend an und schlichen geduckt in Richtung des Geräuschs.
Pelle nutzte die Gunst der Stunde und legte ein paar der Ruptabeeren in die Schale mit den Nüssen, wo sie nicht weiter auffielen. Auch an den Krügen machte er sich zu schaffen.
Schnell versteckte er sich wieder in seinem Busch, bevor der Dachs und der Fuchs achselzuckend zurück zu ihrem Essen kamen. Fast schienen sie überrascht, dass noch alles da war, so als hätten sie erwartet, beraubt worden zu sein. Zufrieden setzten sie ihre Mahlzeit fort.
Der Dachs griff zu den Nüssen, hielt jedoch inne, als der Fuchs ihm ein Stück Brot hinstreckte, das er für ihn abgebrochen hatte. Pelle schniefte leise aus.
Eine gefühlte Ewigkeit kaute der Dachs auf dem Brot herum. Dann griff er wieder nach den Nüssen. Auch diesmal stockte seine Pfote kurz vorher.   „Haaaaa-tschi!“
Pelle raufte sich die Haare. Das war ja zum Mäusemelken! Da langte auf einmal der Fuchs in die Schale und steckte sich eine Handvoll Nüsse in den Mund. Kräftig kauend, bekam er sofort riesige, hervorquellende Augen. Er erstarrte. Dann lief ein Zittern über seinen Körper und seine Lider zuckten. Der Dachs blickte ihn neugierig an. „Was ist los?“
Der Fuchs spuckte alles, was er im Mund hatte, aus und fing heftig an zu würgen.
Der Dachs fasste sich angeekelt an den Hals und bekam von dem Anblick ebenfalls einen Würgereflex.
Hektisch rieb sich der Fuchs mit den Pfoten über die Zunge, doch es schien nichts zu nützen. Er staubte aus seinem Maul, als würde man einen alten Teppich ausklopfen.
Pelle musste ein Kichern unterdrücken. Der Dachs glaubte mittlerweile, verstanden zu haben, was das Problem war und reichte seinem Kumpel einen Krug mit Trinken.
Der Fuchs schüttete sich das kühle Nass in den Hals, als ginge es darum, einen Flächenbrand zu löschen. So schnell es drin war, so schnell spie er es wieder aus, denn auch das Getränk war mit Ruptabeeren verseucht. In seiner Verzweiflung stürzte sich der Fuchs kopfüber, Hintern in die Luft, ins Moos und begann mit der Zunge den grünen Teppich abzulecken, um den gruseligen Geschmack loszuwerden. Wie ein wildgewordener Mähdrescher pflügte er über den Waldboden.
Sein Freund sah sich das äußerst lustige Schauspiel an und fing aus voller Kehle an zu lachen. Es gab für ihn kein Halten mehr.
Der Fuchs blickte auf und ließ ein drohendes Knurren hören, doch der Dachs schüttelte sich weiter und hielt sich den Bauch. Pelle nahm noch eine Handvoll Ruptabeeren und pfefferte sie hinter den Fuchs, wo sie geräuschlos platzten.
Da verging dem Dachs, der glaubte, seinem Kumpel wären ein paar kräftige Winde entfahren, das Lachen ganz schnell wieder. Er hielt sich mit der einen Pfote die Nase zu, während er mit der anderen davor herumwedelte.
Der Fuchs hörte auf, mit der Zunge übers Moos zu schubbern und sah ihn zornfunkelnd an. Als er ihn anblaffte, hingen ihm grüne Pflanzenreste aus dem Maul und Erde in den Mundwinkeln. „Das war echt ne fiese Nummer von Dir, mir was unters Essen zu mischen!“
Der Dachs nahm die Pfote von der Nase und starrte seinen Kumpel entgeistert an. „Wie bitte? Du denkst, ich hätte dir was untergeschoben?“
„Wer sonst? Du warst doch eh noch sauer auf mich wegen letztens.“
„So ein Blödsinn! Du hast sicher was Schlechtes erwischt. Schließlich müffelst du ja nicht nur aus dem Hals wie eine Stinkwanze, sondern hast ja offensichtlich ein schwerwiegendes Darmproblem, man! Dir ist ja ganz schön einer flöten gegangen!“ Mit der Spitze seiner Pfote zeigte er auf sein Hinterteil und hob vielsagend eine Augenbraue.
Die Augen des Fuchses traten fast aus ihren Höhlen, als er das hörte. Kampfeslustig stürzte er sich auf den Dachs. Dieser quiekte überrascht auf. Eine Sekunde später, waren Arme und Beine der zwei zu einem, sich windenden, Knoten verschnürt, der von einer Staubwolke umgeben war.
Pelle fand, dass zu seinem Glück jetzt eigentlich nur noch Popcorn fehlte, dann wäre die Vorstellung perfekt.
Die beiden Kämpfenden rollten keuchend und fluchend über den Waldboden. Dabei stießen sie nicht nur die Krüge um, sondern kugelten auch quer durch das Essen. Weitere Ruptabeeren zerplatzten und versprühten ihren schimmeligen Duft. Pelle hielt es für an der Zeit das Weite zu suchen, bevor sie ihn noch entdeckten, doch er konnte sich vom Anblick des Knäuels aus Fuchs und Dachs, das nun durch einen Busch rollte, nicht lösen. Beide jaulten laut auf. Offensichtlich war es ein Strauch mit Dornen, denn sie ließen voneinander ab und begannen krampfhaft, sich diese herauszuzupfen.
„Das ist deine Schuld! Wenn du nicht immer annehmen würdest, ich würde dir nur alles Schlechte wollen ... du bist ein richtiger Idiot!“, keifte der Dachs.
Sie standen am Waldrand, von wo aus man die Magische Mauer sehen konnte und zeterten wie ein altes Ehepaar, das zu viel Zeit miteinander verbracht hatte. Wie üblich benutzten sie dabei die schlimmsten Schimpfwörter.
„Du musst ja nicht immer gleich so beleidigend werden!“, schimpfte der Fuchs.
„Ich kann es nicht ab, immer behandelst du mich so von oben herab. Meinst wohl, du bist schlauer als ich. Echt, Alter, sowas brauch ich nicht ...“, meckerte der Dachs.
Pelle wollte sich gerade abwenden und eine neue Beschäftigung suchen, denn der Streit wurde ihm langweilig, da ließ ihn etwas aufhorchen: „...dann hätte ich auch da drüben bleiben kö...“ Stille. Pelle blickte zurück und sah den Dachs mitten in seiner Bewegung, mit der er zur Mauer hinübergezeigt hatte, innehalten. Dessen Augen waren groß geworden. „D-da!“, brachte er gerade noch hervor, und Pelle bemerkte, wie sie sich vielsagend anblickten. Eine Sekunde später rannten sie los, wie von der Tarantel gestochen.
Pelle konnte nicht erkennen, was sie zu solcher Eile antrieb. Er legte die kurze Distanz zum Rand der Wiese zurück, um zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, da sah er das Mädchen, das ihm schon gestern begegnet war, diesmal alleine, an die Mauer gedrückt stehen, ihre Augen angstgeweitet. Hinter ihr ein Loch in den Steinquadern, groß genug zum Hindurchschlüpfen.
Fuchs und Dachs rannten wie vom Teufel gehetzt auf sie zu. Pelle war sofort klar, was die beiden antrieb, und es war ihm eigentlich ganz egal, doch er würde nicht zulassen, dass sie dem Mädchen etwas taten.
Ohne nachzudenken, flitzte er hinterher, so schnell ihn seine Beine trugen. Der Morgen versprach, interessanter zu werden als gedacht. Er konnte nicht ahnen, dass seine Tage der Rumtreiberei und der Langeweile durch sein Eingreifen fortan gezählt sein würden. Sein Leben würde nie wieder dasselbe sein wie bisher ...